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Gibt es eine Übersetzungsproblematik in 1Joh 2,2 ?

 

„und er ist das Sühnopfer für unsre Sünden, aber nicht nur für die unseren, sondern auch für die (der) ganze(n) Welt.“

 

A) Leitgedanke

 

Welche Übersetzung – so ist zu klären - spiegelt den Sinn, die Grammatik, die Syntax und die Struktur dieses Verses am exaktesten und im Deutschen verständlichsten wider ?

Dazu soll die innere Struktur und der Zusammenhang dieses Verses erörtert werden und ein kommentierter Übersetzungsvorschlag gegeben werden.

Im Folgenden soll insbesondere geprüft werden, ob der letzte Abschnitt des Satzes „für die (der) ganze(n) Welt“ auf „Versöhnung“ oder auf „Sünden“ bezogen werden kann bzw. muss.
Dazu sollen zunächst theologischen Vorverständnisse außer Acht gelassen werden, um eine Voreingenommenheit im Textverständnis auszuschließen.

Eine Differenz der verschiedenen griechischen Textgrundlagen (NA, TR, MT) liegt hier nicht vor und muss daher nicht thematisiert werden.

B) Übersicht über verschiedene Übersetzungen

Es bietet sich zur Gewinnung eines Überblicks und zur Vergleichsmöglichkeit eine Aufstellung verschiedener relevanter Übersetzungen an:

 

 

Aus dieser Aufstellung ist bereits zu erkennen, dass der letzte Satzteil und der Bezug  unterschiedlich widergegeben werden:

 

a) „für die der ganzen Welt“ bzw. for those of

=> hierdurch wird deutlich angezeigt, dass sich die „Versöhnung“ auf die „Sünden“ („die [Sünden] der“) der Welt bezieht.

            b) „for the sins of

=> hiermit soll durch Ergänzung von „sins of“ klar werden, dass sich die „Versöhnung“ auf die „Sünden“ der Welt bezieht.

            c)  „für die ganze Welt

=> durch die Auslassung von „die“ wird der Bezug („Versöhnung“ oder „Sünden“) durch die Übersetzung offen gelassen. 

C) Der Text von 1Joh 2,2

 

Abschnitt 1.      und er ist das Sühnopfer für unsre Sünden,

 

Abschnitt  2. a)            aber nicht nur (allein/ausschließlich) für die unseren,

             b)                        sondern auch für die (der) ganze(n) Welt.

 

Der zugrundeliegende griechische Text lautet wie folgt:

 

Abschnitt 1. KAI AUTOS hILASMOS ESTIN PERI TWN hAMARTIWN hHMWN

 

Abschnitt  2. a)   OU PERI TWN hHMETERWN DE MONON

                     b)                         ALLA KAI PERI hOLOU TOU KOSMOU

D) Zur Übersetzung

Abschnitt 1)

Der erste Satzteil (1) ist bereits vollständig und könnte auch alleine stehen.

 

a) Die Verwendung von „und“ zeigt den untrennbaren Zusammenhang zu Vers 1, d.h. der Fürsprecher beim Vater - wenn Gläubige gesündigt haben (V.2) - ist auch derjenige, der das Sühnopfer für deren Sünden dargebracht hat (V.2)

 

b) Das Personalpronomen „er“ bezieht sich immer auf das unmittelbar zuvor genannte Bezugswort – in diesem Fall auf Jesus Christus, den Gerechten.

 

c) Der Aufforderung zum Bekenntnis der Sünden (Kap 1,9) und dem Verweis auf den Fürsprecher/Beistand/Anwalt beim Vater (V.1) schließt sich die Grundlage hierfür an: Jesus Christus hat – als der Gerechte – das erforderliche „Sühnopfer“ dargebracht. Allein auf dieser Grundlage ist Vergebung und Fürsprache möglich. Das Wort „ist“ steht im Präsens, da die Kontinuität, die Fortdauer und der Gegenwartsbezug und die Aktualität des vollbrachten Sühnopfers Christi für die Sünden der Gläubigen betont werden soll.

 

d) „Für“ (bzw. „in bezug auf“, „im Hinblick auf“) verdeutlicht, dass der Tod des Herrn am Kreuz allein das Sündenproblem lösen kann. Er starb nicht, weil er selbst Vergehen begangen hatte und dafür bezahlen musste, sondern er starb als der Gerechte (V.1) für die Ungerechten (1Pet 3,18). Gottes gerechten Maßstäben wurde genüge getan, indem Jesus Christus unsere Sünden an seinem Körper am Kreuz getragen hat (1Pet 2,24).

 

Zu Abschnitt 2)

a) Allgemeines

Für den Apostel Johannes ist es kennzeichnend, ein entscheidendes Wort (bzw. Gedanken) aufzugreifen und in der Folge genauer zu spezifizieren (z.B. 1Joh 1,3:die Gemeinschaft; 1Joh 2,7: das Gebot; 1Joh 3,4 die Sünde; 1Joh 3,15 der Menschenmörder; 1Joh 4,18 die Liebe;1Joh 5,11 das Leben). Genau dieses Vorgehen findet sich hier: Abschnitt 1 stellt den Grundgedanken vor, der durch Abschnitt 2 genauer spezifiziert wird.

 

b) Die Verwendung von „nicht nur/allein/ausschließlich (MONON)“ erweitert den ersten Grundgedanken um einen zweiten Aspekt (siehe Anmerkung 1.)

Der erste Grundgedanke ist sowohl im Abschnitt 1 als auch im Abschnitt 2a erwähnt („Christus ist die Sühnung für unsere Sünden [d.h. die der Gläubigen]“) und kann nicht beim Abschnitt 2b. reduziert werden (etwa auf „Sühnung“ allein), da der gesamte zweite Abschnitt eine untrennbare Sinnstruktur aufweist, die von „nicht nur .... sondern auch“ nach außen hin begrenzt ist.

Die Erweiterung des im Hauptsatz eingeführten Grundgedankens (d.h. Christus ist die Sühnung der Sünden der Gläubigen) bezieht im weitern eine zweite Gruppe – nämlich „die ganze Welt“ – in die „Sühnung für Sünden“ ein:

Diese Tatsache ist nicht nur/allein/ausschließlich für Gläubige zutreffend, sondern wird in Folge um eine weitere Gruppe ergänzt und bezogen, auf die sich die erste Aussage erweitert.

 

c) Die Struktur
Entscheidend für das Verständnis des gesamten Satzes und der inneren Bezüge ist der innere Verbund bzw. unauflösbare primäre Zusammenhang innerhalb des gesamten zweiten Abschnittes.

 

Der ganze Abschnitt 2 muss als unauflösbare Einheit gesehen werden, die syntaktisch von der Verwendung „nicht nur/allein ... sondern auch“ (griech.: „OU .. DE .. MONON .….... ALLA.. KAI“) eingeklammert wird und von einem gemeinsamen Leitwort dominiert wird:

 

1Joh 2,2  „nicht (OU) aber (DE) für die unseren allein (MONON),

 sondern (ALLA) auch (KAI) für die (der) ganze(n) Welt.“

 

Ein zweiter Satz des Apostels Johannes weist diese gleiche innere Struktur auf:

Joh 17:20 „nicht (OU) für diese aber (DE) allein (MONON) bitte ich,

sondern (ALLA) auch (KAI) für die, welche durch ihr Wort an mich glauben“

 

Die Bitte des Herrn wird von der ersten Jüngergruppe auf die zweite Jüngergruppe ausgeweitet – der übergeordnete Bezug bleibt jedoch für die zweite Gruppe erhalten und kann nicht durch wechselnden Zusammenhang aufgebrochen werden.

 

Somit bleibt festzustellen, dass die in beiden Sätzen (1Joh 2,2 und Joh 17,20) zugrundeliegende Satzstruktur folgendes zeigt:

1) Es handelt sich um einen festen Ausdruck/Satzverbund, der in zwei gleichberechtigte Abschnitte („nicht aber allein“ bzw. „sondern auch“) geteilt ist, die von einem gemeinsamen Bezug abhängig sind !

2) Es kann innerhalb dieser Satzstruktur keinen anderen übergeordneten Bezug (d.h. „nicht allein“ ist nie an ein anderes regierendes Wort gekoppelt als „sondern auch“) geben.

 

Sowohl 1Joh 2,2 als auch Joh 17,20 geben somit eine Erweiterung des Teiles „OU DE MONON“ im weiteren Verlauf mit „ALLA KAI“ - unter der Herrschaft ein und desselben übergeordneten Bezuges - an.

 

d) „Die unseren“ ist ein Possessivpronomen und zeigt an, wem die Sünden in Abschnitt 2a. zuzuordnen sind: Es handelt sich um die eigenen Sünden der Gläubigen für die das Sühnopfer des Herrn gebracht wurde. Hierbei wird noch kein neuer Gedanke genannt (die Tatsache, dass Christus die Sühnung für unsere Sünden ist, wurde ja bereits in Abschnitt 1 getroffen und hier nur wiederholt), sondern die gleiche Aussage von Abschnitt 1 aufgegriffen, um ihn in der Folge genauer zu definieren und einen neuen Sachverhalt (Abschnitt 2b) anzuschließen.


Selbst George F. Somsel, ausgewiesener Kenner des griechischen Neuen Testamentes, räumt trotz seiner calvinistischer Prägung in einem Anschreiben an den Autor hier ein:

 „What is true for one group ("us" / i.e. "our's") is also true for the other ("the whole world")“, d.h. die Wahrheit, dass Christus das Sühnopfer für die Sünden der Christen ist, gilt auch für die andere Gruppe – nämlich für die ganze Welt. Natürlich, so Somsel, ist der jeweils gemeinsame Bezug im zweiten Abschnitt nicht Sühnung allein, sondern  Sühnung für SÜNDEN (griech.: hILASMOS): „Yes, it does refer to hILASMOS, but it is hILASMOS PERI TWN hAMARTIWN”

 

e) Zur Ellipse von „Sünden“ in 1Joh 2,2:

Auf die Fragestellung, ob der Bezug des letzten Satzteils unklar ist, wie etwa W. Kelly behauptet hat, bzw. ob sich „die Welt“ direkt – unter Ignorierung des primären Sündenbezugs in Abschnitt 2 - auf Sühnung allein beziehen lassen könnte, antwortet Ivor Larson, langjähriger sprachwissenschaftlicher Mitarbeiter der Wycliffe-Bible-Translators und Missionar in Kenia (Zitat aus einem Anschreiben an den Autor):


„I cannot see that this is unclear.  Such ellipsis is very common in Greek. The word "sins" is carried over from the first PERI phrase and clearly understood in the last two. The "atoning sacrifice" or "sin-offering" that Christ did for our sins, does not only apply to our sins (i.e. the Christians), but it is sufficient to create forgiveness for the sins of all people in the world. Of course, people do not experience that forgiveness, until they ask for it, just like a check does not benefit a person until he presents it to the bank.”


In anderen Worten stellt Larson fest, dass der Bezug von Abschnitt 2b (ALLA KAI PERI hOLOU TOU KOSMOU) keineswegs unklar, sondern im Griechischen sogar sehr üblich ist. Das Wort „Sünden“ wird im Abschnitt 1 mit dem Präpositionalgefüge „PERI TWN hAMARTIWN hHMWN“ eingeführt und im Abschnitt 2 jeweils zweimal klar verstanden - daher verwendet Johannes hier eine sog. Ellipse (d.h. da der Bezug eindeutig ist, braucht hAMARTIWN im zweiten Abschnitt nicht wiederholt werden).


Robertsons Kommentar zum griechischen Neuen Testament - „Word Pictures“ - weist für den letzen Abschnitt von 1Joh 2,2 auf die dortige Auslassung von „die Sünden der“ hin: „[..] the Ellipsis of TWN hAMARTIWN (the sins of) as we have it in Heb 7,27“.

 

Robertson bezieht sich in seinem Verweis auf einen Satz im Hebräerbrief, der eine identische Struktur wie  1Joh 2,2 aufweist und dessen innerer Bezug dort ebenso eindeutig ist:

 

Hebr 7:27 der es nicht wie die Hohenpriester täglich nötig hat, zuerst für die eigenen Sünden (griech.: hUPER TWN IDIWN hAMARTIWN) Opfer darzubringen, danach für die (griech.: EPEITA TWN TOU LAOU; d.h. hier ist der Bezug  deutlich und es kann auf eine Wiederholung zugunsten einer Ellipse von hUPER TWN hAMARTIWN verzichtet werden, die mit „die“ angegeben wird) des Volkes.

 

Auf den Text von 1Joh 2,2 angewandt, bedeutet dies folgendes:

 

KAI AUTOS hILASMOS ESTIN PERI TWN hAMARTIWN hHMWN (hier ist das Präpositionalgefüge vollständig und „für Sünden“ wird eingeführt) 

OU PERI (hier fehlt das Bezugswort hAMARTIWN, das sinngemäß ergänzt werden muss = Ellipse)

TWN hHMETERWN DE MONON ALLA KAI PERI  (hier fehlt ebenso das Bezugswort hAMARTIWN, das auch hier sinngemäß ergänzt werden muss)

hOLOU TOU KOSMOU


Diese Ellipse von hAMARTIWN geben alle Übersetzungen in Teil 2a einvernehmlich wieder:

a)      „nicht für die unsrigen aber allein“ (Münchener NT)

b)      „nicht allein aber für die unseren“ (Elberfelder)

c)      „aber nicht nur für die unseren“ (Schlachter)

d)      „und nicht nur für unsere Sünden“ (NEU)

e)      „nicht allein aber für die unseren“ (Luther)

 

Da in 2a und 2b jeweils die gleiche Präposition („für“ bzw. „PERI“) mit dem selben Genus (Genitiv) Verwendung findet, ist die Übersetzung konkordant vorzunehmen, d.h. wenn in 2a. die Ellipse von hAMARTIWN mit  „die“ bzw. „Sünden“ wiedergegeben wird, ist er in 2b. nicht unübersetzt zu lassen (wie leider etwa Elberfelder), da sonst der Bezug für den deutschen Leser unklar wird. In Abschnitt 2a und 2b findet sich exakt die gleiche Struktur vor.

E) Kommentierter Übersetzungsvorschlag zu 1Joh 2:2

 

 „und er [Christus V.1] ist das Sühnopfer [oder Sühnung, Versöhnung] für unsere Sünden: [ab hier beginnt die Apposition – man könnte daher den folgenden Teil auch in Klammern oder nach einem Doppelpunkt setzten, um ihn klar vom vorhergehenden Abschnitt zu trennen] - nicht für die unseren [Kopplung von „Sünden“ mit der Personengruppe der Gläubigen als Wiederholung der Aussage im Hauptsatz]  aber [„DE“ - ein eher schwaches „aber“] allein [„allein“ im Sinne von „ausschließlich“], sondern  [„ALLA“ - ein im Gegensatz zu „DE“ starkes „aber“. Wenn dieser Unterschied hervorgehoben werden soll: „sondern vielmehr“] auch für die [oder „diejenigen“ bzw. freier „die Sünden“] der ganzen Welt [Kopplung von “Sünden“ mit der zweiten Personengruppe: der ganzen Welt]

 

F) Schlussthesen

 

1) Die verwendete Syntax schließt einen Doppelbezug von Abschnitt 2a auf „Sünden“ einerseits, und einen Direktbezug von Abschnitt 2b auf „Versöhnung“ andererseits aus.

 

2) Für den gesamten Abschnitt 2 ist ein einziges dominierendes Leitwort notwendig:

a) In Abschnitt 2a bezieht sich „unseren“ eindeutig auf „Sünden“, daher muss sich Abschnitt 2b ebenso darauf beziehen.

 

3) Der Gedanke der Sühnung der Sünden der Gläubigen (Abschnitt 1) wird im Abschnitt 2a aufgegriffen und um den zusätzlichen Gedanken in 2b erweitert, dass Christus auch die Sünden der ganzen Welt gesühnt hat. Dieses Vorgehen ist bei Johannes üblich.

 

4) Alle genannten Übersetzungen, die den inneren Bezug nachvollziehen, sind sinnvoll. Die wenigen-  davon abweichenden - Übersetzungen (z.B. Elberfelder) geben die Struktur des Textes missverständlich wieder und lassen aufgrund der Übersetzung für den unbedarften Leser einen direkten Bezug von „ganze Welt“ und „Sühnung“ zu, der jedoch im Originaltext nicht möglich ist.

 

5)Wenn Übersetzungen (z.B. Elberfelder) den ersten Unterabschnitt mit „die unseren“ wiedergeben und damit den Direktbezug zu „Sünden“ durch die Verwendung des Pronomens deutlich herstellen, ist aus Gründen der Kongruenz, der konkordanten Übersetzung und der stimmigen Übersetzungssystematik in jedem Fall auch im zweiten Teil das Pronomen „die der ganzen Welt“ zu übersetzen, da es keinerlei syntaktische/strukturelle Unterschiede zwischen beiden Teilen gibt, sondern beide Abschnitte völlig identisch konstruiert sind (jeweils „peri“ mit folgendem Genitiv und der Ellipse von „Sünden“). Wenn zur Verdeutlichung der Bezugsmarker „die“ (stellvertretend für „die Sünden“) Verwendung findet, dann muss dies auch unbedingt in beiden Satzteilen erfolgen.

 

6) Der Satz, den Johannes in 1Joh 2,2 gebildet hat, ist in keinerlei Weise unklar oder doppeldeutig, sondern weist eine übliche, verständliche Struktur auf. Es gibt daher keine Übersetzungsproblematik oder Doppeldeutigkeiten in diesem Satz.

 

 

G) Erwiderung theologisch begründeter Einwände am Beispiel William Kellys

 

William Kelly schrieb zu 1Joh 2,2:

„Ich lasse "die Sünden der" weg. Es ist völlig klar, dass diese Worte niemals in unsere Englische Bibel hätten hineinkommen dürfen. Nicht nur, dass sie für das Verständnis nicht notwendig sind, wie Worte allgemein sind, sondern sie verändern auch den Sinn, und verleiten geradezu zur
Irrlehre. Wenn die Sühnung Christi für die Sünden der ganzen Welt wäre, dann würde die ganze Welt gerettet werden. Solch eine Aussage findet man nirgendwo in Gottes Wort.“
(Lect.
Intro. to Acts, Cath. Epist. and Rev., p.301-2)

 

Auf eben diese Aussage Kellys nimmt Dr. Carl Conrad, langjähriger Professor für Griechisch an der Universität Washington, in klaren Worten Bezug (Zitat aus einem Anschreiben an den Autor, Hervorhebung P.S.):

the objection raised by Kelly is purely theological and moreover appears to be based upon ignorance (or inadequate understanding) of the Greek text. The content of this verse is not really very far from the content of John's gospel at 3:16ff., except that John's gospel doesn't really talk about propitiation so much as God's efficacious love for "all the world" and desire that "none should perish." It seems to me quite evident that people will endeavor--and succeed commonly, at least in their own perception--to make any Biblical text conform to their sense of what the Bible OUGHT to be saying. My own experience and that of several others is that if one reads the Biblical text carefully one will certainly discover lots of clear statements and implications that challenge one's sense of what the Bible OUGHT to be saying and should cause us to rethink our understanding of what the Bible says. That's my opinion, at any rate, for what it's worth.”

 

Die Stellungnahme Conrads in deutscher Übersetzung (P.S.):

„Ich würde sagen, dass Du absolut recht hast (Anm.: Conrad bezieht sich auf den Übersetzungsvorschlag, wie er hier dargestellt wurde); die Entgegnung, die Kelly aufbrachte, ist rein theologisch und scheint darüber hinaus auf Ignoranz (oder mangelndem Verständnis) des griechischen Textes zu beruhen. Der Inhalt dieses Verses ist in Wirklichkeit nicht weit vom Inhalt des Johannesevangeliums Kap 3,16 entfernt, außer, dass das Johannesevangelium nicht wirklich so viel über die Versöhnung, als von Gottes wirkender Liebe für "die ganze Welt" und seinem Wunsch, dass "niemand verloren gehe", spricht. Es scheint für mich ziemlich erwiesen zu sein, dass Leute sich dafür einsetzen - und allgemeinen Erfolg haben, zumindest in ihrer eigenen Wahrnehmung -- jeden Text der Bibel anzupassen, was die Bibel nach ihren Vorstellungen sagen SOLLTE. Meine eigene Erfahrung und die vieler anderer ist, dass wenn jemand den biblischen Text sorgfältig liest,  er sicherlich viele klare Aussagen und Schlussfolgerungen entdecken wird, die sein Denken dazu herausfordern, was die Bibel sagen SOLLTE und das sollte uns dazu veranlassen, unser Verständnis zu überdenken, was die Bibel sagt. Das ist jedenfalls meine Meinung. [...]

 

Auch Dr. Heinrich v. Siebenthal, Autor der "Griechischen Grammatik zum Neuen Testament" und "Neuer sprachlicher Schlüssel zum griechischen Neuen Testament",  nimmt auf das Zitat von W.Kelly i.V.m. der Stellungnahme Prof. Dr. Conrads Bezug, indem er schreibt (aus einem Anschreiben an den Autor):
"[...] ich kann mich Dr. Conrads Bemerkung nur anschließen. Dass die Stelle bei der natürlichen (kontextangemessensten und damit für den Exegeten verpflichtenden) Lesart bestimmte theologische Fragen aufwirft, kann ich allerdings auch verstehen. Doch sollte dieses wie manches andere Problem im Rahmen der theologischen Synthesefindung und nicht durch eine forcierte Deutung der sprachlichen Seite des Textes gelöst werden.
[...]

 

Somit bleibt festzuhalten, dass die Argumentation Kelly nichts mit angemessener Analyse von Gottes Wort zu tun hat, sondern aufgrund theologischer Vorverständnisse eine sinngemäße Wiedergabe des griechischen Textes ausschließt. Erst hat eine genaue Untersuchung des biblischen Textes zu erfolgen und im nächsten Schritt können dann theologische Schlussfolgerungen zugelassen werden. Leider geht Kelly in seiner Betrachtung zu 1Joh 2,2 den umgekehrten Weg (zu theologischen Schlussfolgerungen aufgrund von 1Joh 2,2 siehe Anhang).

 

Peter Streitenberger

 

 

Anmerkungen:

1) Mt 4,4 "Nicht von Brot allein (MONO) soll der Mensch leben, sondern (ALLA) von jedem Worte, das durch den Mund Gottes ausgeht."

Der erste Aspekt (Leben ausschließlich vom Brot) wird um einen weiteren/zweiten Aspekt (Leben vom Wort Gottes) erweitert und ergänzt.

 

2) Die Verwendung der Satzstruktur (nicht nur/allein – sondern auch) bei Paulus zeigt folgendes:

2Tim 2:20 In einem großen Hause aber (DE) sind nicht (OU) allein (MONON) goldene und silberne Gefäße, sondern (ALLA) auch (KAI) hölzerne und irdene, und die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre.

Leitwort in 2Tim 2:20 ist „das große Haus“. Von da aus wird der Satzverbund (DE OU MONON .... ALLA KAI) geleitet. Beide Gefäßarten (wertvolle und weniger wertvolle) befinden sich in ein und demselben Haus, d.h. beide Teile des Satzverbundes werden unter das selbe Leitwort subsummiert. Es zeigt sich, dass der unmittelbare innere Bezug nicht gebrochen werden kann (z.B. im Sinne von „die weniger wertvollen Gefäße beziehen sich nicht direkt auf das große Haus“)

 

3) Indem zwar in Abschnitt 2a „die“ vor „unseren“ von allen Übersetzungen wiedergegeben wird und somit der Bezug zu „Sünden“ klar ersichtlich ist, jedoch in Abschnitt 2b „die“ in manchen Übersetzungen (Elberfelder) nicht sinngemäß übersetzt wird, zeigt dies trotz gleicher Morphologie und Satzstellung (jeweils „PERI“ mit folgendem Genitiv) eine inkongruente bzw. unsystematische, d.h. widersprüchliche Übersetzungsmethodik. Es kann also nicht mit dem Verweis auf vermeintliche Wörtlichkeit argumentiert werden.

 

4) Zunächst ohne weiteren Kommentar können als Vergleichsmöglichkeit der theologischen Übereinstimmung der Aussage von 1Joh 2,2 folgende relevante Verse aufgelistet werden:

 

 

Der Text von 1Joh 2,2 (und anderer Schriftstellen) lässt die Theologie der "begrenzten Sühnung" sicher nicht zu (d.h. Christus habe nicht die Sünden aller gesühnt, so dass Erlösung für jeden Menschen möglich ist), da Christus nach 1Joh 2,2 auch die Sühnung für die Sünden der ganzen Welt ist. Diese häretischen Thesen Johannes Calvins, John MacArthurs, Arthur Pinks, John Pipers und anderer stehen somit unter dem Anathema eines anderen Evangeliums nach Gal 1. Es kann hierbei nicht verteidigend argumentiert werden: „Hauptsache es wird evangelisiert !“. Sicherlich werden auch Calvinisten ihre Art von Evangelium verbreiten wollen. Dieses ist jedoch substantiell völlig andersartig.  Niemand wird behaupten, wenn gelehrt wird, dass wenn Christus angeblich in seinem Werk am Kreuz die meisten Menschen ausgespart hat  und sie nicht erlöst werden können (= particular redemption), dass dies das gleiche Evangelium sei - auch wenn per "Allgemeiner Berufung" alle Menschen angesprochen werden sollen, um die zum Heil vorgesehenen Ungläubigen aus der übrigen (unerlösbaren) Menschheit  herauszurufen.